Die FPÖ hält enge Beziehungen zum Orbán-Regime in Ungarn. Nun könnte dieses vor dem Aus stehen: Die Unzufriedenheit in Ungarn ist groß, aufgrund von Korruption, Demokratieabbau und der autoritären Entwicklung der vergangenen Jahre.
Warum die Orbán-FPÖ-Achse mehr ist als ein Wahlkampfthema
Am Sonntag, 12. April, wählt Ungarn ein neues Parlament. Zum ersten Mal seit Jahren ist Viktor Orbán nicht der klare Favorit. Unabhängige Umfragen sehen Péter Magyars Tisza-Partei vorne. Gleichzeitig bleibt das Rennen offen, weil Fidesz vor allem am Land stark ist, das Wahlsystem Orbán begünstigt und viele Auslandsungarn traditionell die Regierungspartei unterstützen. Genau deshalb ist diese Wahl so brisant: Sie ist offen genug, um Orbán zu gefährden, aber ungleich genug, um einen Machtwechsel schwer zu machen.
Für Europa ist das keine gewöhnliche Parlamentswahl. Reuters beschreibt die Abstimmung ausdrücklich als Richtungsentscheidung für Ungarns Verhältnis zur EU und zu Russland. Orbán regiert seit 2010, hat seine Macht in dieser Zeit tief im Staat verankert und gilt heute als engster Verbündeter Putins innerhalb der EU. Verliert er, dann verliert nicht nur ein Regierungschef. Dann gerät ein ganzes politisches Modell unter Druck, das auch für die FPÖ in Österreich wichtig ist.
Das System Orbán: Wahlen ja, fairer Wettbewerb immer weniger
Orbán hat Ungarn nicht in eine klassische Diktatur verwandelt. Wahlen finden statt, Opposition ist erlaubt, Kritik ist möglich. Aber die Spielregeln wurden über Jahre zugunsten der Macht verschoben. Reuters hält fest, dass Orbán mit einer Zweidrittelmehrheit 2011 eine neue Verfassung durchsetzte, Hunderte Gesetze änderte, Wahlkreise neu zuschnitt, loyale Personen in Schlüsselpositionen brachte und seit 2022 immer wieder per Dekret regiert. Orbán selbst nennt das eine „illiberale Demokratie“.
Wie tief dieser Umbau reicht, zeigt auch die Medienlandschaft. Reuters schreibt, Orbán habe den ungarischen Medienmarkt grundlegend verändert, staatliche Medien enger unter Regierungseinfluss gebracht und regierungsnahe private Medien durch Werbegeld und Übernahmen gestärkt. Die EU-Kommission hält gleichzeitig fest, dass es keinen Fortschritt bei der Unabhängigkeit des öffentlich-rechtlichen Rundfunks gibt und dass öffentlicher Zugang zu Informationen gerade bei öffentlichen Geldern weiter eingeschränkt bleibt.
Auch für kritische Journalistinnen und Journalisten ist das Klima rauer geworden. Laut EU-Kommission nehmen Schmierkampagnen zu, manche Medien bekommen selektiv keinen Zugang zu öffentlichen Veranstaltungen, und Ermittlungen der Souveränitätsschutzbehörde erhöhen den Druck auf unabhängige Redaktionen. Das ist kein Oppositionsvorwurf, sondern steht so im Rechtsstaatsbericht der Kommission.
Korruption ist kein Randthema, sondern das Zentrum des Systems
Orbáns größtes Problem im Wahlkampf ist nicht zuerst Migration oder Kulturkampf, sondern Korruption. Reuters beschreibt, dass drei Jahre wirtschaftliche Stagnation, hohe Lebenshaltungskosten und die Bereicherung regierungsnaher Oligarchen viele Menschen gegen Fidesz aufgebracht haben. AP berichtet ebenfalls, dass Péter Magyar seinen Wahlkampf vor allem auf Inflation, Gesundheitswesen und Korruption konzentriert.
Der Vorwurf ist nicht bloß politisch zugespitzt. Die EU-Kommission schreibt klar, dass es in Ungarn keinen Fortschritt beim Aufbau einer belastbaren Bilanz gegen Korruption auf hoher Ebene gibt. Verurteilungen in großen Korruptionsfällen bleiben selten, zugleich nennt der Bericht politische Einflussrisiken, Klientelismus, Begünstigung und Nepotismus als anhaltende Probleme. Das ist eine präzise Beschreibung dessen, was Kritiker seit Jahren das „System Orbán“ nennen.
Auch Kontrast fasst diese Entwicklung ähnlich zusammen: weniger Rechtsstaat, mehr Freunderlwirtschaft, mehr Druck auf Kritiker. In einem Interview zur Wahl spricht der Politikwissenschaftler Andreas Schedler sogar offen von einem kleptokratischen System. Das erklärt, warum die Korruptionsfrage in Ungarn heute viel mehr ist als ein Nebenthema. Sie ist zum Kern des politischen Konflikts geworden.
Orbán und Putin: Warum Moskau auf Budapest setzt
Orbáns Nähe zu Russland ist kein Missverständnis, sondern Teil seiner Rolle in Europa. Reuters schreibt, dass Ungarn unter Orbán einen Kurs der „Eastern opening“ gegenüber Russland und China verfolgt hat, Moskaus Interessen in der EU immer wieder mitbediente und besonders hart gegen Schritte auftrat, die Russland treffen sollten. Ungarn bleibt stark abhängig von russischem Öl und Gas, und Orbán blockierte zuletzt auch einen EU-Kredit für die Ukraine.
Reuters zitiert zudem eine Einschätzung aus Moskau, wonach Ungarn in der EU als wertvoller troublemaker gesehen werde: als Staat, der Energiebeziehungen zu Russland hält und gegenüber der Ukraine den schärfsten Ton aller EU-Länder anschlägt. Genau das macht Orbán für den Kreml so nützlich. Er steht nicht außerhalb Europas, sondern sitzt mitten in der EU und kann von dort aus bremsen.
Kurz vor der Wahl bekam dieses Verhältnis neue Aufmerksamkeit. Reuters berichtete über einen Bloomberg-Bericht zu einem Telefonat aus dem Oktober 2025, in dem Orbán Putin weitreichende Hilfe angeboten haben soll. Reuters konnte den Inhalt nicht unabhängig verifizieren. Allein die Tatsache, dass ein solcher Bericht mitten im Wahlkampf einschlägt, zeigt aber, wie eng Orbáns Russland-Nähe inzwischen politisch mit seiner Person verbunden ist.
Kickl und Orbán: Warum die FPÖ so nah an Ungarn steht
Für Österreich ist das deshalb relevant, weil Herbert Kickl und die FPÖ nicht nur ähnliche Schlagwörter verwenden, sondern an einem gemeinsamen Projekt arbeiten. Reuters berichtete bereits 2024, dass FPÖ, Orbáns Fidesz und Babiš’ ANO eine neue Allianz im Europäischen Parlament gründeten. Daraus entstand jenes rechte Bündnis, das später zur drittgrößten Fraktion im Europaparlament wurde. Die Achse Wien-Budapest ist also keine bloße Inszenierung, sondern institutionell organisiert.
Auch programmatisch ist die Nähe sichtbar. Reuters listete im FPÖ-Wahlprogramm 2024 unter anderem die Förderung von „Remigration“, Sozialleistungen nach Staatsbürgerschaft, die Verankerung von nur zwei Geschlechtern in der Verfassung und ein Verbot von „politischem Islam“ auf. Wer wissen will, wohin Kickls Politik im Ernstfall gehen würde, kann sich in Ungarn anschauen, wie ein ähnlicher Kurs aussieht, wenn er Staat wird.
Kontrast hat diese politische Nähe schon früher zugespitzt beschrieben: Orbáns Ungarn sei für Kickl ein Vorbild. Das passt zur faktischen Entwicklung. In Budapest sieht man, wie sich Nationalismus, Medienfeindschaft, Kulturkampf und institutioneller Umbau über Jahre miteinander verbinden lassen. Genau deshalb ist Orbán für die FPÖ nicht bloß ein Partner, sondern ein Modellfall.

Trump, Vance, Orbán: Das internationale rechte Netzwerk
Orbán ist längst mehr als ein nationaler Politiker. Reuters berichtet, dass US-Vizepräsident JD Vance wenige Tage vor der Wahl nach Budapest reiste und Orbán offen unterstützte. Vance griff dabei die EU an, sprach von Einmischung in Ungarns Wahl und stellte sich demonstrativ an die Seite eines Mannes, den Reuters zugleich als engen Verbündeten von Trump und Putin beschreibt. Schon das war ein außergewöhnlicher Schritt. Eine aktive Wahlempfehlung eines amtierenden US-Vizepräsidenten für einen europäischen Regierungschef ist alles andere als normal.
Diese Unterstützung ist politisch logisch. Reuters schreibt, Orbán habe mit seinem Modell aus harter Migrationspolitik, Nationalismus und Angriffen auf liberale Institutionen Fans in Europas Rechter und in Trumps MAGA-Umfeld gewonnen. Orbán ist für die internationale Rechte attraktiv, weil er zeigt, dass man Wahlen gewinnen und gleichzeitig Institutionen so umbauen kann, dass Macht langfristig abgesichert wird.
Auch die FPÖ sucht seit Jahren diese Nähe nach Washington. Kontrast zeigt, wie FPÖ-Politiker bei Trumps Wahlparty, Spendengalas und seiner Amtseinführung auftauchten. Herbert Kickl gratulierte Trump öffentlich zum Wahlsieg und lobte ihn später mehrfach. Die FPÖ ist also nicht nur Orbán nah, sondern bewegt sich bewusst in einem transatlantischen rechten Netzwerk, in dem Orbán eine zentrale Figur geworden ist.
Maja T., Pride und NGOs: Wie Orbáns System Gegner unter Druck setzt
Wie autoritärer Umbau praktisch aussieht, zeigt nicht nur die Medienpolitik, sondern auch der Umgang mit Gegnern und Minderheiten. ORF berichtete im Februar, dass die deutsche nicht binäre Person Maja T. in Ungarn erstinstanzlich zu acht Jahren Haft verurteilt wurde. Die Staatsanwaltschaft hatte zuvor 24 Jahre Haft als „Abschreckung“ verlangt. Orbán und andere Regierungsmitglieder hatten eine harte Bestrafung gefordert, Orbán bezeichnete die „Antifa-Gruppierung“ sogar als Terrororganisation. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Auch gegen queere Menschen und ihre Unterstützer ging Orbáns Regierung härter vor. Reuters hält fest, dass das ungarische Parlament 2025 eine gesetzliche Grundlage schuf, mit der Pride-Märsche verboten werden können. Kontrast berichtete später, dass trotz des Verbots rund 200.000 Menschen an der Budapest Pride teilnahmen, der größten in der Geschichte des Landes. Das ist politisch wichtig, weil hier Kulturkampf und Machtpolitik ineinandergreifen: Die Regierung greift ein Grundrecht an, und ein Teil der Gesellschaft antwortet mit offenem Widerstand.
Der Druck richtet sich aber nicht nur gegen Einzelpersonen oder Demonstrationen. Die EU-Kommission berichtet, dass die Souveränitätsschutzbehörde mehrere Ermittlungen gegen zivilgesellschaftliche Organisationen führte, darunter auch Antikorruptions-NGOs. Ein weiterer Gesetzentwurf hätte die Befugnisse dieser Behörde noch ausgeweitet und deutliche Folgen für Medien und NGOs gehabt. Das Muster ist klar: Kritische Gegenmacht soll nicht nur politisch bekämpft, sondern organisatorisch geschwächt werden.
Péter Magyar ist kein linker Gegenentwurf
Wer Orbán verlieren sehen will, sollte Péter Magyar trotzdem nicht idealisieren. Kontrast beschreibt sein Programm als widersprüchlich: mehr Investitionen in Soziales und sogar Vermögenssteuer auf der einen Seite, niedrige Unternehmenssteuern und harte Asylpolitik auf der anderen. Magyar ist damit kein linker Gegenentwurf zu Orbán. Er ist eher ein konservativer Herausforderer, der Korruption, Machtmissbrauch und Isolation von der EU zum Hauptthema macht.
Gerade das macht ihn gefährlich für Fidesz. AP und Reuters beschreiben Magyar als ehemaligen Orbán-Insider, der den Frust über Teuerung, Korruption und staatliche Erschöpfung politisch gebündelt hat. Er fährt eine klassische Bodenkampagne, auch in Fidesz-Hochburgen, und erreicht damit Wählerinnen und Wähler, die mit der Opposition früher wenig anfangen konnten. Ein Sieg Magyars wäre also keine ideologische Zeitenwende, aber ein echter Machtbruch.
Warum Orbán und FPÖ auch Österreich direkt betreffen
Für Österreich ist diese Wahl deshalb relevant, weil Orbán für Kickl ein politischer Beweis ist: der Beweis, dass eine harte rechte Machtpolitik nicht nur Protest erzeugt, sondern auf Dauer regieren kann. Gewinnt Orbán wieder, bleibt dieses Vorbild intakt. Verliert er, wird ausgerechnet das sichtbarste Erfolgsmodell der europäischen Rechten erschüttert. Das trifft nicht automatisch die FPÖ in Umfragen, aber es schwächt ihr wichtigstes Beispiel in Europa. Diese Schlussfolgerung liegt nahe, weil Allianz, Programmnähe und gemeinsame Feindbilder offen sichtbar sind.
Dazu kommt, dass Orbáns Politik bereits direkt nach Österreich ausstrahlte. Kontrast berichtete 2024 über mutmaßlich von Orbáns Umfeld finanzierte fremdenfeindliche Werbung in mehreren EU-Ländern, auch in Österreich. Budapest ist für die österreichische Rechte also nicht nur Symbol und Vorbild, sondern Teil eines politischen Kommunikationsraums, der über Grenzen hinweg wirkt.
Was am Sonntag wirklich entschieden wird
In Ungarn geht es an diesem Sonntag nicht nur um den Wechsel einer Regierung. Zur Abstimmung steht ein System, das die Verfassung umbaute, Medien und NGOs unter Druck setzte, Korruption auf hoher Ebene nicht wirksam bekämpfte, enge Beziehungen zu Putin pflegt und für Europas Rechte zum Vorbild wurde. Orbán und FPÖ sind deshalb nicht bloß ein Aufreger für den Wahlkampf, sondern ein reales politisches Bündnis innerhalb einer größeren rechten Achse von Budapest bis Wien und weiter nach Washington.
Darum ist diese Wahl auch für Österreich wichtig. Wer wissen will, wie weit eine nationalistische Rechte gehen kann, wenn sie lange genug regiert, schaut nach Ungarn. Und wer wissen will, was ein Rückschlag für dieses Modell bedeuten würde, ebenfalls. Budapest ist an diesem Wochenende nicht nur Hauptstadt eines Nachbarlandes. Es ist ein politischer Testfall für Mitteleuropa







