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Amazon, Apple und Co zahlen oft weniger Steuern als ein Dönerstand in Wien

Steuervermeidung von Konzernen in Europa

Während Beschäftigte und kleine Betriebe ihre Steuern meist dort zahlen, wo sie arbeiten und wirtschaften, können internationale Konzerne Gewinne oft quer durch Europa verschieben. Das ist selten ein Versehen. Es ist ein System. Und dieses System kostet die Allgemeinheit viel Geld.

Wenn über knappe Budgets gesprochen wird, geht es fast immer schnell um Einsparungen. Dann ist von Reformen die Rede, von Sachzwängen und davon, dass der Staat eben nicht alles finanzieren könne. Viel seltener geht es um die andere Seite der Rechnung: um Geld, das nie in die Staatskassen gelangt, obwohl es dort landen sollte.

Gerade bei großen Konzernen ist das ein Problem. Sie verkaufen ihre Produkte in ganz Europa, nutzen Straßen, Infrastruktur, öffentliche Ausbildungssysteme und stabile Rechtsordnungen. Doch ein Teil ihrer Gewinne wird am Ende nicht dort versteuert, wo das Geschäft gemacht wird, sondern dort, wo es steuerlich am günstigsten ist. Möglich wird das durch Tochtergesellschaften, Lizenzmodelle, interne Verrechnungen und ein europäisches Steuersystem, das solche Konstruktionen über Jahre zugelassen hat.

Das Prinzip ist einfach, die Konstruktion kompliziert

Das Grundmuster ist schnell erklärt. Ein Konzern verkauft Waren oder Dienstleistungen in einem Land mit vielen Kund:innen und hohen Umsätzen. Der steuerpflichtige Gewinn fällt dort aber möglichst klein aus. Stattdessen werden Kosten innerhalb des Konzerns so verschoben, dass der Gewinn in einem anderen Land auftaucht, meist dort, wo niedrigere Steuern gelten.

Das kann über Markenrechte laufen, über Lizenzgebühren, über interne Kredite oder über konzerninterne Dienstleistungen. Auf dem Papier sieht das oft sauber aus. Politisch ist es trotzdem brisant. Denn der Effekt ist klar: Staaten, in denen die Umsätze tatsächlich gemacht werden, gehen Einnahmen verloren.

Apple zeigt, wie groß die Summen sind

Wie groß diese Dimensionen sein können, zeigte der Fall Apple. Der Europäische Gerichtshof entschied im September 2024, dass Apple 13 Milliarden Euro an Irland nachzahlen muss. Hintergrund waren zwei irische Steuervorbescheide, die die Steuerlast des Konzerns über viele Jahre künstlich gedrückt hatten. Laut Reuters sank Apples effektive Steuerlast in einem Jahr auf 0,005 Prozent. Solche Zahlen zeigen, worum es hier tatsächlich geht: nicht um Grauzonen im Kleingedruckten, sondern um ein System, das Milliarden verschiebt.

Apple ist dabei nicht irgendein Ausreißer. Der Fall ist so bekannt geworden, weil er besonders groß und besonders klar war. Er steht aber für ein Muster, das in Europa über Jahre immer wieder sichtbar wurde: Staaten locken Konzerne mit günstigen Regeln, Konzerne verlagern Gewinne, und am Ende tragen andere die Last.

Auch Amazon gerät immer wieder ins Visier

Ähnlich umstritten ist Amazon. In Italien laufen seit Jahren Ermittlungen und Verfahren rund um Steuern und Abgaben. Reuters berichtete im Februar 2025 über Ermittlungen wegen mutmaßlicher Steuerhinterziehung in Höhe von 1,2 Milliarden Euro. Im Dezember 2025 meldete Reuters dann, Amazon habe sich mit der italienischen Steuerbehörde auf eine Zahlung von 510 Millionen Euro geeinigt, während strafrechtliche Ermittlungen weiterliefen. Im März 2026 berichtete Reuters außerdem, dass Mailänder Staatsanwälte einen Prozess gegen Amazon und mehrere Manager im Zusammenhang mit mutmaßlicher Mehrwertsteuervermeidung anstreben.

Natürlich ist nicht jeder dieser Fälle identisch. Mal geht es um Körperschaftsteuer, mal um Mehrwertsteuer, mal um die Verantwortung von Plattformen für externe Händler. Aber das Gesamtbild ist eindeutig: Selbst bei einem der größten Konzerne der Welt geht es immer wieder um Modelle, bei denen Staaten Millionen oder Milliarden entgehen könnten.

Das Problem heißt nicht nur Apple oder Amazon

Wer das Thema nur auf einzelne Tech-Konzerne reduziert, macht es zu klein. Die Steuervermeidung großer Unternehmen ist kein Branchenunfall, sondern Teil eines internationalen Wettbewerbsmodells. Konzerne suchen nach dem günstigsten Standort für Gewinne. Staaten konkurrieren mit Steuersätzen und Sonderregeln. Dazwischen sitzt eine Beratungsindustrie, die daraus ein Geschäftsmodell gemacht hat.

Das Ergebnis ist ein Europa, in dem nicht immer dort besteuert wird, wo Wert geschaffen wird. Für Beschäftigte ist das kaum nachvollziehbar. Wer ganz normal angestellt ist, kann seinen Lohn schließlich nicht über Luxemburg oder Irland umleiten. Genau deshalb ist das Thema nicht nur technisch, sondern auch politisch so explosiv.

Warum das auch Österreich betrifft

Diese Debatte ist nicht nur etwas für Brüssel oder internationale Wirtschaftsseiten. Sie betrifft auch Österreich unmittelbar. Denn jedes Budget ist am Ende eine Verteilungsfrage. Wenn Einnahmen fehlen, muss der Staat entweder sparen, Schulden machen oder andere stärker belasten.

Finanzminister Markus Marterbauer hat selbst mehrfach betont, dass Steuergerechtigkeit nicht nur eine moralische Frage ist, sondern auch eine Frage des Vertrauens in den Staat. Im Februar 2026 sagte er laut Finanzministerium, es sei ein gesellschaftlicher Fortschritt, wenn Steuergerechtigkeit umgesetzt werde. Der wichtigste Zweck der Bekämpfung von Steuerbetrug sei nicht nur das Budget, sondern auch, dass ehrliche Steuerzahler:innen sehen, dass wirklich alle beitragen müssen.

Das ist ein entscheidender Punkt. Denn viele Menschen erleben den Staat vor allem dort als streng, wo er leicht zugreifen kann: bei Löhnen, Gebühren oder Konsumabgaben. Bei multinationalen Konzernen wirkt derselbe Staat oft deutlich schwächer. Genau daraus entsteht politischer Frust. Wer jeden Monat automatisch zahlt, fragt sich zwangsläufig, warum globale Unternehmen mit Milliardenumsätzen so viel mehr Spielraum haben.

Das Budgetproblem ist auch ein Gerechtigkeitsproblem

Die Bundesregierung verweist beim Doppelbudget 2025/2026 auf einen Mix aus Einsparungen, höheren Steuereinnahmen sowie Wachstums- und Beschäftigungsimpulsen. Im Parlament wurde zudem festgehalten, dass aus Betrugsbekämpfung für 2026 Einnahmen von 270 Millionen Euro vorgesehen seien, mit weiterem Anstieg bis 2029. Das zeigt: Auch auf Regierungsebene ist längst angekommen, dass die Einnahmenseite nicht ausgeblendet werden kann.

Trotzdem bleibt die Schieflage offensichtlich. Wenn auf der einen Seite über Kürzungen diskutiert wird, auf der anderen aber ein internationales System weiterläuft, das Großkonzernen enorme Spielräume lässt, entsteht ein Glaubwürdigkeitsproblem. Der Eindruck liegt nahe, dass bei normalen Menschen rasch gespart wird, während man bei globalen Unternehmen sehr viel zurückhaltender vorgeht.

Was sich ändern müsste

Einige Schritte wurden bereits gesetzt. Die internationale Mindeststeuer von 15 Prozent soll Gewinnverschiebungen unattraktiver machen. Gleichzeitig nimmt in Europa der Druck auf mehr Transparenz zu. Ein aktuelles Working Paper des Institute for Fiscal Studies hält fest, dass bis Ende 2026 rund 6.000 multinationale Unternehmen mit Präsenz in Europa unter die EU-Regeln zum öffentlichen länderbezogenen Steuerreporting fallen werden. Das heißt: Große Konzerne müssen künftig stärker offenlegen, wo sie Gewinne machen und wo sie Steuern zahlen.

Das ist ein Fortschritt, aber noch keine Lösung. Transparenz allein holt kein Geld zurück. Nötig wären strengere Regeln gegen künstliche Gewinnverschiebung, härtere Vorgaben gegen Briefkastenstrukturen und ein Steuersystem, das Gewinne stärker dort erfasst, wo sie tatsächlich erwirtschaftet werden. Solange Staaten weiterhin um möglichst niedrige Unternehmenssteuern konkurrieren, bleibt das Problem bestehen.

Die eigentliche Frage ist simpel

Am Ende ist die Debatte weniger technisch, als sie oft klingt. Die entscheidende Frage lautet: Wer finanziert das Gemeinwesen? Arbeitnehmer:innen tun es jeden Monat. Kleine und mittlere Unternehmen meist auch. Bei internationalen Konzernen ist die Antwort oft deutlich komplizierter.

Genau deshalb ist Steuervermeidung kein Nischenthema für Spezialist:innen. Es geht um politische Prioritäten. Es geht um Fairness. Und es geht darum, ob ein Staat stark genug ist, wirtschaftliche Macht dort zu besteuern, wo sie entsteht, statt die Rechnung am Ende wieder bei jenen abzuladen, die sich nicht entziehen können.

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