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Kein ESC, Gaza, Rojava: Warum Pashanim politischer ist, als viele denken

Bild: Kann auch Fußgänger: SUV-Fahrer Pashanim Foto: ADS

Pashanim politisch zu nennen, wäre vor einigen Jahren vielleicht ungewöhnlich gewesen. Der Berliner Rapper wurde nicht durch lange Interviews, Parteistatements oder laute Ansagen bekannt, sondern durch Songs, die nach Kreuzberg, Sommer, Freundschaft und Melancholie klingen. Doch genau deshalb fällt heute auf, wenn er sich positioniert. Gaza, Rojava und sein „Kein ESC“ Statement zeigen: Pashanim sagt wenig, aber seine wenigen öffentlichen Zeichen haben Gewicht.

Es gibt Künstler, die aus jeder Meinung einen Post machen. Die zu jedem Thema ein Statement schreiben, jede Veröffentlichung mit Interviews begleiten und jeden Erfolg in Content verwandeln. Und dann gibt es Pashanim. Der Berliner Rapper redet wenig, manchmal fast gar nicht. Lange Interviews sind selten, seine öffentlichen Auftritte außerhalb der Musik wirken kontrolliert, beinahe knapp. Diese Zurückhaltung ist längst Teil seiner Wirkung geworden. Der Tagesspiegel beschrieb ihn schon 2022 als eine Art Phantom im Deutschrap, als Künstler, der kaum Werbung macht, sehr sparsam veröffentlicht und sich nicht vollständig den Mechanismen der Musikindustrie unterwirft.

Für Fans ist genau das ein Teil des Reizes. Pashanim wirkt nicht wie ein Künstler, der permanent um Aufmerksamkeit bettelt. Er taucht auf, wenn er etwas zu sagen hat. Oder besser: wenn er etwas zeigen will. Denn Pashanim funktioniert selten über Erklärung. Seine Musik lebt von Bildern, Orten und Stimmungen. Kreuzberg, Sommer, Hauseingänge, Autos, Freundeskreise, Mittelmeer, alte Handys, verschwommene Erinnerungen. Man hört seine Songs und muss nicht jede Zeile analysieren, um das Gefühl zu verstehen.

Gerade deshalb ist spannend, was passiert, wenn dieser Künstler plötzlich politische Zeichen setzt. Nicht in Form einer Rede. Nicht in einer Talkshow. Nicht als langer offener Brief. Sondern so, wie Pashanim eben kommuniziert: knapp, bildhaft, fast beiläufig. Eine Instagram Story mit zwei Wörtern. Ein Platz in einem Line Up. Ein Benefizkonzert. Ein Name auf einer Kundgebung. Für sich genommen könnte man jedes dieser Zeichen übersehen. Zusammengenommen entsteht ein Bild.

Wer Pashanim nicht kennt, muss zuerst seine Wirkung verstehen

Pashanim, bürgerlich Can David Bayram, wurde 2000 in Berlin Kreuzberg geboren. Apple Music beschreibt ihn als ein Kind des Internets, das früh Songs auf SoundCloud veröffentlichte und 2017 mit Freunden wie Symba und RB 030 die Playboysmafia gründete. Sein Durchbruch kam Anfang 2020 mit Songs wie „Hauseingang“, „Shababs botten“ und „Airwaves“. „Airwaves“ erreichte Platz zwei der deutschen Singlecharts, „Sommergewitter“ und „Mittelmeer“ später Platz eins. Auch sein Album „2000“ landete auf Platz eins der Albumcharts.

Das ist wichtig, weil Pashanim nicht irgendein Szenekünstler ist, über den nur Rapblogs schreiben. Er ist einer der prägenden Rapper einer jungen Generation. Seine Musik erreicht Menschen, die klassische politische Texte kaum lesen würden. Sie läuft nicht nur in Kopfhörern, sondern auch in Autos, auf TikTok, in Freundeskreisen, in Sommernächten, in Stadtteilen, in denen Politik oft weniger nach Parteiprogramm klingt als nach Alltag.

Dabei ist Pashanim nie der Künstler gewesen, der seine Songs mit großen Erklärungen versieht. Sein Erfolg wirkt fast altmodisch in einer Branche, die längst gelernt hat, dass Reichweite häufig durch Dauerpräsenz entsteht. Pashanim macht das Gegenteil. Er gibt wenig preis. Er lässt Leerstellen. Genau diese Leerstellen machen ihn interessant. Wer sich rar macht, erzeugt Bedeutung. Wer selten spricht, macht jedes Wort schwerer.

Zwei Wörter, die mehr auslösen als ein langer Post

Anfang Mai 2026 schrieb Pashanim in einer Instagram Story nur: „Kein ESC“. Mehr nicht. Die Story war später nicht mehr abrufbar. Auf Nachfrage der Berliner Zeitung teilte sein Management mit, dem Beitrag sei „nichts weiter hinzuzufügen“. Die Zeitung ordnete den Post in die Debatte um den Eurovision Song Contest 2026 in Wien ein, der wegen der Teilnahme Israels politisch umstritten ist.

Man kann diesen Satz als kleinen Moment im Popbetrieb abtun. Eine Story, zwei Wörter, nach 24 Stunden verschwunden. Aber bei Pashanim funktioniert Öffentlichkeit anders. Wenn ein Künstler täglich politische Kommentare veröffentlicht, verschwindet ein einzelner Satz schnell im Feed. Wenn jemand wie Pashanim, der sonst kaum öffentlich erklärt, plötzlich „Kein ESC“ schreibt, wird daraus ein Signal.

Der ESC ist 2026 nicht nur eine Musikshow. Er ist Teil einer größeren politischen Auseinandersetzung. Israels Teilnahme am Wettbewerb in Wien führte bereits im Vorfeld zu Boykotten und Protesten. Die Presse berichtete im Dezember 2025, dass Israel nach einer Entscheidung der European Broadcasting Union beim ESC 2026 teilnehmen darf und Länder wie Spanien, Irland und die Niederlande daraufhin absagten. Vor diesem Hintergrund ist Pashanims Satz nicht neutral. Er stellt sich in eine Debatte, in der es um Gaza, Israel, Kunst, Boykott und die Frage geht, ob ein Musikwettbewerb politisch unschuldig bleiben kann, wenn draußen Krieg, Protest und internationale Kritik den Rahmen bestimmen.

Interessant ist nicht nur, dass Pashanim diesen Satz geschrieben hat. Interessant ist, wie er ihn geschrieben hat. Ohne Begründung. Ohne Absicherung. Ohne den Versuch, alle möglichen Reaktionen im Voraus einzufangen. Das kann man kritisieren, weil ernste Themen mehr Erklärung verdienen. Man kann es aber auch als genau jene Form von Popkommunikation lesen, die heute Wirkung entfaltet: kurz, codiert, teilbar, offen genug für Diskussion und klar genug, um nicht beliebig zu sein.

Gaza, Rojava, ESC: Aus einzelnen Zeichen wird ein Muster

Der ESC Satz steht nicht allein. Im September 2025 wurde Pashanim bei der künstlerischen Solidaritätskundgebung „All Eyes on Gaza, Stoppt den Genozid!“ in Berlin angekündigt. Laut Amnesty International Deutschland fand die Kundgebung am 27. September 2025 am Großen Stern statt. Veranstaltet wurde sie unter anderem von der Palästinensischen Gemeinde Deutschland, eye4palestine, Amnesty International in Deutschland und medico international. Auf der Bühne wurden neben K.I.Z auch Pashanim, Ebow, Ali Bumaye, Aya Samra, OG Lu, Antifuchs und PTK genannt.

Auch für den 1. Juni 2026 ist Pashanim in einem politischen Kontext angekündigt. Das Benefizkonzert „Berlin für Rojava“ soll in der Columbiahalle stattfinden. Auf der offiziellen Seite stehen unter anderem AK Ausserkontrolle, Ceren, K.I.Z, Kurdo, Lune, OG LU, Pashanim und Paula Hartmann im Line Up. Die Veranstalter beschreiben die Lage in Rojava, also in Nord und Ostsyrien, als fragil und verweisen auf Angriffe auf zivile Infrastruktur, blockierte Fluchtwege sowie die besondere Betroffenheit von Kurden, Frauen und religiösen Minderheiten. Diffus berichtete, sämtliche Erträge des Konzerts sollten an Partnerorganisationen in Rojava gespendet werden, Ziel seien 100.000 Euro.

Damit entsteht ein Muster, das man journalistisch ernst nehmen sollte. Gaza. Rojava. ESC Boykott. Das sind keine beliebigen Kulturtermine. Es sind politische Räume, in denen es um Krieg, Menschenrechte, Solidarität, Antirassismus und internationale Verantwortung geht. Man muss Pashanim deshalb nicht sofort zum politischen Sprecher einer Bewegung erklären. Das wäre überzogen. Aber man sollte auch nicht so tun, als sei die Auswahl solcher Bühnen unpolitisch.

Politik zeigt sich nicht nur in Parteibüchern, Wahlplakaten oder Interviews. In der Popkultur zeigt sie sich oft durch Entscheidungen. Wo spiele ich? Welcher Veranstaltung gebe ich meinen Namen? Welche Bühne nehme ich an? Welche Debatte berühre ich? Welche nicht? Bei Pashanim ist diese Auswahl inzwischen sichtbar genug, um darüber zu schreiben.

Ist Pashanim ein linker Rapper?

Die einfache Antwort wäre: vermutlich ja. Die bessere Antwort ist vorsichtiger und interessanter zugleich. Pashanim hat kein ausführliches politisches Manifest veröffentlicht. Er tritt nicht als Parteikünstler auf. Er erklärt nicht in langen Interviews, wie er auf die Welt schaut. Deshalb wäre es unseriös, ihm eine fertige Ideologie in den Mund zu legen.

Aber seine öffentlichen Zeichen bewegen sich klar in einem bestimmten politischen Raum. Gaza Solidarität, Rojava Benefiz, Kritik am ESC wegen der Israel Debatte. Das sind Themen, die besonders in linken, antirassistischen, internationalistischen und migrantisch geprägten Milieus eine große Rolle spielen. Wer dort auftritt, trifft eine Entscheidung. Wer solche Zeichen setzt, macht sich nicht unsichtbar, sondern lesbar.

Gerade hier liegt die publizistische Stärke des Themas. Es geht nicht darum, Pashanim ein Etikett aufzukleben. Es geht darum, zu zeigen, wie politische Haltung heute aussehen kann, wenn sie nicht mehr über klassische Formen läuft. Viele junge Menschen erleben Politik nicht zuerst über Parlamentsdebatten, sondern über Kultur. Über Musik. Über Social Media. Über Konzerte. Über Freundeskreise. Über die Frage, welche Künstler sich äußern und welche schweigen.

Pashanim steht damit für eine Veränderung. Seine Politik klingt nicht wie ein Parteiprogramm. Sie klingt wie ein Code.

Warum seine Haltung gerade deshalb wirkt, weil sie nicht erklärt wird

Man kann Pashanims Zurückhaltung für eine Schwäche halten. Wer sich zu Gaza, Rojava oder dem ESC äußert, könnte ja auch ausführlich erklären, warum. Gerade bei Themen, die so polarisiert und schmerzhaft sind, wäre Präzision wichtig. Das stimmt. Gleichzeitig gehört diese Knappheit zu seiner künstlerischen Sprache. Pashanim macht aus Andeutung kein Versehen, sondern ein Prinzip.

Seine Songs funktionieren ähnlich. Sie liefern selten eine lineare Geschichte mit Anfang, Mitte und Schluss. Sie geben Szenen. Ein Ort. Ein Bild. Ein Gefühl. Der Rest bleibt bei den Hörenden. Genau deshalb fühlen sich seine besten Songs nicht wie Erzählungen an, sondern wie Erinnerungen. Man steigt in eine Stimmung ein, ohne dass sie vollständig erklärt wird.

Diese Methode überträgt sich nun auf seine öffentliche Haltung. Ein Satz wie „Kein ESC“ ist nicht analytisch. Er ist symbolisch. Ein Auftritt bei einer Gaza Kundgebung ist keine politische Abhandlung. Er ist eine Platzierung. Ein Benefizkonzert für Rojava ist kein Manifest. Es ist eine Entscheidung. Und in der Popkultur können Entscheidungen manchmal stärker wirken als Erklärungen.

Das macht Pashanim nicht automatisch politisch tiefgründiger als andere Künstler. Aber es macht ihn publizistisch interessant. Weil seine wenigen Zeichen zeigen, wie viel Bedeutung heute in scheinbar kleinen Gesten liegen kann.

Warum das auch Menschen interessieren sollte, die keinen Deutschrap hören

Wer Pashanim nicht hört, könnte fragen: Warum ist das relevant? Die Antwort ist einfach: Weil Popkultur ein Ort ist, an dem gesellschaftliche Stimmungen sichtbar werden, oft früher als in der offiziellen Politik. Wenn ein Rapper mit Millionenpublikum politische Räume betritt, dann sagt das etwas darüber aus, welche Themen in einer jungen Generation Resonanz erzeugen.

Deutschrap war ohnehin nie unpolitisch. Auch dann nicht, wenn er nicht wie ein Protestlied klang. Es ging immer um Herkunft, Polizei, Rassismus, Straße, Geld, Aufstieg, Familie, Männlichkeit, Ausschluss und Zugehörigkeit. Viele dieser Themen wurden nur nicht als Politik gelesen, weil sie nicht in der Sprache von Leitartikeln oder Parteiprogrammen formuliert waren.

Pashanim steht für eine neue Variante davon. Seine Musik klingt oft leicht, manchmal sommerlich, manchmal filmisch, aber selten leer. Hinter der Ästhetik liegt ein Blick auf Stadt, Herkunft und Jugend. Kreuzberg ist bei ihm nicht nur Kulisse. Es ist ein sozialer Raum, in dem verschiedene Sprachen, Geschichten und Konflikte nebeneinander existieren. Für viele Fans ist das nicht erklärungsbedürftig. Es ist ihre Realität.

Genau deshalb passen Themen wie Gaza oder Rojava nicht zufällig in die Welt, aus der Pashanim kommt und in der er gehört wird. Für viele migrantische Communities sind solche Konflikte nicht weit weg. Sie werden in Familien diskutiert, in Cafés, in Moscheen, in linken Gruppen, in Freundeskreisen, auf Schulhöfen, an Universitäten, in Chatgruppen. Popkultur nimmt diese Gespräche auf, manchmal direkter, manchmal verschlüsselt.

Zwischen Haltung, Symbolik und Verantwortung

Gerade weil das Thema politisch aufgeladen ist, braucht es saubere Sprache. Die Debatten um Gaza, Israel, Boykott und Antisemitismus werden in Deutschland besonders hart geführt. Wer darüber schreibt, darf weder verharmlosen noch vorschnell etikettieren. Der Krieg in Gaza begann nach dem Hamas Angriff auf Israel am 7. Oktober 2023. Reuters beschreibt den Krieg als ausgelöst durch diesen tödlichen Angriff der Hamas. Zugleich berichten internationale Medien und Organisationen seit Jahren über die massive Zahl palästinensischer Todesopfer und die humanitäre Katastrophe in Gaza.

Das bedeutet für einen Artikel über Pashanim: Man sollte genau trennen zwischen belegten Fakten und Interpretation. Belegt ist, dass er mit „Kein ESC“ öffentlich ein Boykottsignal gesetzt hat. Belegt ist, dass er bei einer Gaza Solidaritätskundgebung angekündigt wurde. Belegt ist, dass er beim Rojava Benefiz im Line Up steht. Interpretation ist, was daraus über seine politische Weltanschauung folgt.

Diese Unterscheidung macht den Artikel nicht schwächer. Sie macht ihn besser. Denn gute Publizistik muss nicht übertreiben, um klar zu sein. Im Gegenteil: Sie wird stärker, wenn sie zeigt, was man sicher sagen kann und wo die offene Frage beginnt.

Pashanim macht Haltung nicht zur Marke

Viele Künstler haben inzwischen verstanden, dass Haltung auch vermarktbar ist. Ein politisches Statement kann Imagepflege sein. Ein Benefizauftritt kann PR sein. Ein Post kann kalkuliert wirken. Bei Pashanim ist die Lage komplizierter, weil er gerade nicht der Künstler ist, der jede Positionierung ausinszeniert. Seine Knappheit schützt ihn nicht vor Kritik, aber sie verhindert, dass seine Haltung sofort wie eine Kampagne wirkt.

Das ist vielleicht der entscheidende Punkt. Pashanim verkauft Politik nicht als neues Produkt. Er macht daraus keine große Markenwelt. Er stellt sich nicht vor jede Kamera. Er lässt Zeichen stehen. Dadurch bleiben sie ambivalent, aber auch glaubwürdig für jene, die ihn ohnehin als Künstler der Andeutung verstehen.

Für Fans bestätigt das vermutlich etwas, das sie längst gespürt haben. Pashanim war nie nur Sound. Er war immer auch Ort, Haltung, Blickrichtung. Für Menschen, die ihn nicht kennen, ist er ein Beispiel dafür, wie junge Popkultur heute funktioniert: leise und trotzdem wirksam, ästhetisch und trotzdem politisch, knapp und trotzdem voller Bedeutung.

Fazit: Wenn ein stiller Popstar Zeichen setzt, ist das nicht egal

Pashanim ist kein klassischer politischer Rapper. Er hält keine langen Reden, schreibt keine Grundsatztexte und erklärt seine Positionen nicht wie ein Aktivist. Aber seine öffentlichen Entscheidungen zeigen eine Richtung. Gaza Kundgebung. Rojava Benefiz. „Kein ESC“. Das sind keine neutralen Orte und keine zufälligen Gesten.

Man muss seine Musik nicht mögen, um das interessant zu finden. Man muss nicht einmal Deutschrap hören. An Pashanim lässt sich beobachten, wie politische Haltung in der Gegenwart oft entsteht: nicht immer als Rede, sondern als Zeichen. Nicht immer als Programm, sondern als Auswahl. Nicht immer laut, aber sichtbar.

Gerade deshalb lohnt sich der Blick auf ihn. Weil Pashanim zeigt, dass Popkultur nicht erst politisch wird, wenn sie Parolen ruft. Manchmal reicht es, wenn ein Künstler, der fast nie etwas erklärt, plötzlich zwei Wörter schreibt.

Und alle wissen: Das war nicht nichts.

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